Ist Frieden Frauen-Sache?
- Lea Rigo
- vor 6 Stunden
- 4 Min. Lesezeit
Ist Frieden Frauen-Sache? Sind Frauen friedfertiger? Hätten wir weniger Kriege, wenn mehr Frauen Machtpositionen in der Welt innehätten?
Ich komme gerade nach Hause von dem Format „Frauen.Gespräche“, das in Südtirol immer wieder stattfindet. Heute ging es um das Thema „Frauen und Frieden. Frauenbewegung als Friedensbewegung.“
Ich freue mich sehr, dass solche Formate bei uns organisiert werden – und sogar Unterstützung bekommen. Mit großer Neugier bin ich also zu der Veranstaltung gegangen.
Es gab zuerst einen Impulsvortrag und anschließend eine Podiumsdiskussion mit mehreren Frauen aus unterschiedlichen Berufsfeldern, die eingeladen wurden, ihre Perspektiven zu teilen. Ich werde hier gar nicht alles wiedergeben, was gesagt wurde. Mich interessiert eher, was ich persönlich aus diesem Abend mitnehme – und ob ich Antworten auf die Fragen gefunden habe, die ich am Anfang gestellt habe.
Zunächst einmal wurde mir durch diese Veranstaltung bewusst, dass ich wohl in einer gewissen Bubble lebe – einer, in der weißer Feminismus kritisch hinterfragt wird oder zumindest ein Bewusstsein dafür vorhanden ist.
Was ist weißer Feminismus? Damit ist eine Form des Feminismus gemeint, die vor allem die Erfahrungen, Privilegien und Ziele weißer, westlicher Cis-Frauen in den Mittelpunkt stellt. Andere Perspektiven, wie z.B. von Women of Color, queeren Personen oder Frauen aus niedrigeren sozialen Klassen, werden dabei oft ausgeblendet. Also genau jene Perspektiven, bei denen sich mehrere Diskriminierungserfahrungen überschneiden. Deswegen gibt es den intersektionalen Feminismus, der dies berücksichtigt.
Im Impulsvortrag wurde zwar auch auf Frauen of Color eingegangen – zum Beispiel darauf, welche von ihnen den Friedensnobelpreis erhalten haben (ein Fakt, den ich heute gelernt habe: bisher haben nur 21 Frauen den Friedensnobelpreis bekommen, während 92 Männer ausgezeichnet wurden). Aber abgesehen davon wurde sehr häufig von „den Männern“ und „den Frauen“ gesprochen. Als würde unsere Gesellschaft nur aus diesen zwei Gruppen bestehen – und als wären diese Gruppen jeweils homogen.
Es kam auch die Frage auf, ob Frauen friedfertiger seien. Die Antwort darauf war: „nicht unbedingt“. Dem kann ich zustimmen. Auch die Frage, ob mehr Frauen in Machtpositionen die Lösung wären, wurde gestellt. Die Antwort war: „Es wäre gut, aber wahrscheinlich nicht die Lösung.“ Auch dem stimme ich zu. Was mir aber gefehlt hat, war die klare Benennung einer der zentralen Ursachen von Kriegen – oder allgemeiner: von Nicht-Frieden.
Und nein, ich glaube nicht, dass Männer das Problem sind - zwar würde ich auch hier sagen, nicht alle Männer, aber immer Männer. Deswegen glaube ich auch nicht, dass wir über Krieg sprechen können, ohne über Macht, Besitz und das System dahinter zu sprechen.
Lange Zeit lebten Menschen als Jäger*innen und Sammler*innen. In vielen dieser Gesellschaften stand nicht individueller Besitz im Zentrum, sondern Gemeinschaft und gegenseitige Abhängigkeit. Überleben funktionierte nur gemeinsam und somit war Macht auch weniger hierarchisch organisiert.
Mit der Sesshaftigkeit und die daraus resultierende Landwirtschaft, kam die Idee vom Besitz, dadurch veränderten sich diese Strukturen. Land konnte plötzlich jemandem „gehören“ (was ich nach wie vor so absurd finde, dass wir Menschen ein Stück Land besitzen können). Kapital konnte nun angehäuft werden - die Geburtsstunde des Kapitalismus.
Viele feministische Analysen zeigen, dass sich in diesen Prozessen auch patriarchale Machtstrukturen verstärkten: Kontrolle über Land, über Ressourcen, über Körper - insbesondere über weibliche Körper.
Und wenn wir heute über Krieg sprechen, kommen wir kaum daran vorbei, auch über Kapitalismus zu sprechen. Ein System, das auf Wachstum, Konkurrenz und Anhäufung basiert. Ein System, das diejenigen belohnt, die mehr besitzen, mehr kontrollieren und mehr Macht in verschiedensten Formen anhäufen.
Ich denke, dass Frieden oft nicht daran scheitert, dass zu viele Männer und zu wenige Frauen an der Macht sind - versteh mich nicht falsch, ich will auf jeden Fall mehr Frauen, in Machtpositionen, aber auch schwule Männer, trans Personen, behinderte Personen, Personen of Color egal welchen Geschlechts, queere Personen in Machtpositionen sehen. Ich glaube aber, dass Frieden daran scheitert, dass Macht in Systemen organisiert ist, die Ausbeutung, Konkurrenz und Besitz über Gemeinschaft stellen.
In meiner Wertevorstellung ist Macht per se nichts Schlechtes. Macht kann sogar unglaublich viel Positives hervorbringen, wenn sie geteilt wird, wenn sie in einem System organisiert wird, die sowohl Gemeinschaft, als auch das Individuum berücksichtigt und wenn dann verantwortungsvoll mit ihr umgegangen wird.
Deshalb macht auch eine Frau an der Spitze eines ausbeuterischen Systems dieses System nicht automatisch gerechter oder friedlicher (siehe Giorgia Meloni).
Frieden ist deshalb keine Frauen-Sache. Frauen sind auch nicht genetisch friedfertiger. Vielmehr sind sie oft so sozialisiert worden, dass ihnen Eigenschaften wie Empathie, Fürsorge und Beziehungsarbeit stärker zugeschrieben und auch erwartet bzw. belohnt wurden.
Empathisch sein. Friedfertig sein. Gemeinschaftlich denken.
Das sind keine weiblichen Eigenschaften. Das sind menschliche Fähigkeiten, die unsere Gesellschaft viel zu lange als „weiblich“ abgewertet und gleichzeitig systematisch aus Machtstrukturen herausgehalten hat.
Vielleicht geht es also gar nicht darum, ob Frauen den Frieden bringen (das ist auch wieder mal eine krasse Erwartung und reduziert Frauen auf Empathie, Friedfertigkeit - wir brauchen auf jeden Fall auch female rage). Vielleicht geht es darum, welche Werte wir in den Mittelpunkt stellen: Konkurrenz oder Kooperation, Besitz oder Gemeinschaft, Macht über andere oder Verantwortung füreinander. Und diese Werte betreffen ALLE.
Lasst uns anfangen zu hinterfragen, welche Systeme Gewalt überhaupt erst hervorbringen. Und da richte ich mich besonders an Männer, die gewaltvolles Verhalten internalisiert haben.
UND ganz besonders richte ich mich an die christlich-katholische Kirche - von Frieden, Nächstenliebe und Gerechtigkeit predigen, aber bis heute es nicht einmal geschafft haben, ihre eigenen Machtstrukturen grundlegend zu hinterfragen und für die schrecklichen sexualisierte Gewalttaten an Minderjährige gscheid Verantwortung zu übernehmen.
Die Kirche ist eine Institution, in der Macht weiterhin fast ausschließlich männlich organisiert ist. In der Frauen und queere Personen systematisch von Entscheidungspositionen ausgeschlossen bleiben. In der Hierarchien verteidigt werden, statt sie kritisch zu reflektieren.
Wenn wir ernsthaft über Frieden sprechen wollen, dann reicht es nicht, über Werte zu predigen. Dann müssen wir auch den Mut haben, die eigenen Strukturen anzusehen: Wer hat Macht? Wer darf entscheiden? Wessen Stimmen fehlen?
Predigten über Frieden sind nicht genug – wenn die eigenen Strukturen weiterhin Ungleichheit reproduzieren - das macht mich wütend! Und in einer anderen Welt wäre ich vielleicht sogar Pfarrerin.

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